Ein Stück Knete auf seinem Weg durch die Nachrichtenflut
Mittwoch, 2. Juli 2008, 00:55
Medienknete - Fußball

Fußball ist Deutschland

Deutschland ist also zweiter Europameister. Hurra! 26 Millionen haben das Endspiel im deutschen Fernsehen verfolgt, rein sportlich gesehen ein recht mittelmäßiges Spiel. Aber wen interessiert schon Fußball? Zugegeben, nichts scheint die Massen so sehr zu bewegen wie (Männer-) Fußball. Zum Vergleich: Das Endspiel der letzten Handball WM konnte "nur" 16 Millionen Zuschauer vor den Fernseher locken. Andererseits schlägt Fußball alleine keine halbe Nation in seinen Bann. Dafür müssen noch zwei weitere Faktoren hinzukommen.

Das eine ist der Medienrummel, der nach dem Prinzip einer positiven Rückkopplung funktioniert: Berichterstattung in den Medien und Begeisterung bei den Lesern und Zuschauern heizen sich gegenseitig an.

Den anderen Faktor konnte man wochenlang als schwarz-rot-goldenen Fahnenschmuck an Autos flattern sehen. Für viele wird die Meisterschaft erst interessant, weil sie als ein Wettkampf zwischen Nationen vermarktet wird. Nicht nur an den bunten Flaggen, Kopfbedeckungen und Kriegsbemahlungen konnte man den nationalen Faktor erkennen, er lässt sich auch deutlich bei den Einschaltquoten nachweisen. Spiele mit deutscher Beteiligung ereichten fünf bis zehn Millionen Zuschauer mehr als vergleichbare Meisterschaftsspiele.

Marktanteile für die Übertragungen von Spielen der Fußball EM 2008 im deutschen Fernsehen. Zuschauer im "public viewing" sind dort nicht mitgezählt. (Quelle)

Nationalgefühle kann man für gut oder schlecht halten. Sicher ist, dass ein gestärktes "Wir" immer auch die Grenze zum "Ihr" verschärft. Vermischt sich dies dann noch mit Bier und Testosteron, so muss mit Krawallen gerechnet werden. Die gab es dann auch bei dieser EM - obwohl die Medien einen anderen Anschein erweckten. Dafür hatten die Veranstalter gesorgt, und zumindest einem Münchner Professor gefällt wohl diese Form des Heile-Welt- Journalismus.

Noch eine Quote zum Schluss: Das Enspiel der diesjährigen Champions-League war spielerisch vielleicht besser als jedes einzelne EM-Spiel, erreichte aber trotzdem nur eine Einschaltquote unter 9 Millionen. Fußball scheint also den meisten "Fans" gar nicht so wichtig zu sein - man könnte ihn vielleicht auch durch Schach oder Halma ersetzen - Hauptsache, "wir" werden am Ende Meister.

Thesen

  • Sport + Medien + Nationalgefühl = sportliches Großereignis.
  • Der Sport ist dabei nicht einmal die wichtigste Komponente.
  • Das "Sommermärchen" vom ausschließlich friedlichen Miteinander der Nationen im Wettkampf ist eine Fiktion der Medien.

»Ach, der liebe Fußball!«

Meisterschaften machen Sport plötzlich interessant.


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